Leseprobe

Leseprobe: Das Geheimnis von Hazelfield

Das geheimnis von Hazelfield

Das Geheimnis von Hazelfield

Caitlynn jobbt als Hellseherin in einem schottischen Museumsdorf, als sie der geheimnisvolle Iain ins 18. Jahrhundert entführt. Schon bald stellt sich heraus, dass er nicht derjenige ist, als der er sich ausgibt. Auf der Suche nach einem kostbaren Familienerbstück in Hazelfield wird Caitlynn zur talentierten Komplizin.

Apple Books    Kindle    Tolino    Taschenbuch

Leseprobe

Als der Mann mich und meine Kristallkugel spöttisch musterte, brauchte ich keine seherischen Fähigkeiten, um zu wissen, dass ich in Schwierigkeiten war.

Er schien auf eine irritierende Weise zu vollkommen, um wahr zu sein. Das gewickelte Plaid über dem Leinenhemd, nur von einem breiten Ledergürtel gehalten, wirkte an ihm nicht wie ein Kostüm, das man zum Wochenende überzog, um auf Highland-Gatherings Schaukämpfe vorzuführen. Seine hellen Augen leuchteten für einen kurzen Augenblick anderweltlich, und ich spürte das Kribbeln an diesem besonderen Punkt zwischen den Augenbrauen, das mich davor bewahren sollte, in Schwierigkeiten zu geraten, den Ärger aber meistens erst recht heraufbeschwor. Nimm dich in Acht, warnte mich die Vernunft. Yeah antwortete die mir angeborene Abenteuerlust. Ich hielt seinem Blick stand.

Ursprünglich hatte ich zur Pause gehen wollen, denn vor mir lag noch ein ermüdender Nachmittag. Das Anstrengende an diesem Wahrsagerinnen-Job war, meine Kundschaft mit Zuversicht und Selbstvertrauen hinauszuschicken in das Treiben des Cèilidh, um dort viel Geld auszugeben. Wir veranstalteten diesen Sommer alle drei Wochen einen historischen Jahrmarkt in Scoury, um Studien in experimenteller Archäologie und Kulturanthropologie zu finanzieren.

Der Mann hob fragend eine Augenbraue, was mich sofort wieder ins Jetzt zurückkatapultierte. Ich hatte mich jahrelang vergebens darin geübt und vielleicht deshalb eine Schwäche für jeden, der den Trick beherrschte und überhaupt für Troublemaker, wie er ganz sicher einer war. Nun grinste er ganz unverhohlen.

Ich raffte meine Röcke, um wieder hinter dem Wahrsagerinnen-Tisch Platz zu nehmen. »Was willst du wissen, Coigreach?«, fragte ich und hoffte insgeheim, er würde mein Gälisch nicht verstehen.

»Fremder?« Er setzte sich. »Ich bin hier zu Hause, Irin

Ich zwang mich zu einem verbindlichen Lächeln und fragte in meinem besten Englisch noch einmal, womit ich ihm helfen könne.

»Du bist also Wahrsagerin?«

»Wonach sieht es denn aus?« Ich zog das dunkle Tuch von der Kristallkugel, die trügerisch im weichen Licht glänzte, das durch die hellen Zeltwände hereinfiel.

»Dann mal los!« Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück.

Es kamen häufiger Besucher, die mich testen wollten, und einmal war ich sogar beschimpft worden, Gotteslästerliches zu tun. Normalerweise ließ ich mich davon nicht provozieren, denn ich war nur ein Teil des Unterhaltungsprogramms und musste glücklicherweise niemandem wirklich tief in die Seele blicken.

Doch das hier war, das spürte ich deutlich, eine andere Situation. Außerdem wollte ich wissen, weshalb mich seine Nähe so nervös machte. Unauffällig berührte ich mit den Fingerspitzen mein Amulett, dessen Energie sogar durch das feste Mieder zu spüren war, und konzentrierte mich auf die Glaskugel. Nicht mein bevorzugtes Medium, aber eindrucksvoller als ein See oder womöglich ein Glas Wasser. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis sich etwas tat, und beinahe hätte ich schon aufgegeben, als sich der Nebel zu bewegen begann und zu einem faszinierenden Strudel aus grünen und goldenen Lichtern wurde, die mir mehr verrieten, als ich hatte wissen wollen.

Hastig warf ich das Tuch über die Kugel und sprang auf. Ich wollte nur noch raus, aber seine Hand schoss vor und zwang mich, stehen zu bleiben.

»Was hast du gesehen?« Die dunkle Stimme klang drohend.

»Du bist ein … Söldner«, sagte ich, ohne es zu wollen.

Sein Griff lockerte sich. »Das stimmt. Und das macht dir Angst?«

»Du bist schnell mit dem Schwert. Würdest du mich bitte loslassen?«

Mit einer geschmeidigen Bewegung stand er auf, beugte sich über meine Hand, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt, und deutete einen Handkuss an. »Iain«, sagte er. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

In Gedanken fügte ich launisch zu seinen Attributen hinzu und viel zu charmant, um gut für mein Seelenheil zu sein. Das Wichtigste aber wagte ich nicht zu denken, aus Furcht davor, er könnte ahnen, was ich gesehen hatte.

»Caitlynn, bist du so weit?«

Das Tuch, das vor dem Zelteingang für ein wenig Intimität bei meinen Wahrsagungen sorgen sollte, flog beiseite. Anne kam hereingestürmt und blieb abrupt stehen, als sie Iain sah, der noch immer meine Hand hielt. »Oh!«, sagte sie, und ein wissendes Schmunzeln umspielte ihre Lippen. »Soll ich später …«
»Wir sind fertig.« Ich entzog ihm meine Hand.

»Ich muss dich noch bezahlen«, sagte er und hatte mir, ehe ich begriff, was er vorhatte, einen Schein ins Mieder gesteckt. »Mar sin leat! Wir sehen uns.«

Damit ging er hinaus, und wir starrten ihm hinterher, bis er in der Menschenmenge verschwunden war.

»Wer war das denn?«

»Iain«, sagte ich. »Komm, ich habe nur eine halbe Stunde Mittagspause!«

Natürlich versuchte Anne mehr herauszufinden, während wir uns mit einer Art Mittelalter-Pizza aus dem Ofen auf eine Bank etwas abseits des Getümmels setzten. Aber ich hätte ihr nicht mehr erzählen können, und schließlich gab sie auf.

»Ich bin froh, wenn der Trubel hier vorbei ist«, sagte sie und steckte sich das letzte Stück Fladenbrot in den Mund. »Aber auf die Kämpfe heute Abend freue ich mich.«

Anne, die auch zum Textil-Team gehörte, in dem ich mich mit dem Färben von Garnen mit heimischen Pflanzen befasste, war mit einem der Metaller befreundet und mehr bei ihm in der Schmiede als bei uns zu finden, denn sie liebte nicht nur den Mann, sondern auch die Schwerter, die er höchst kunstvoll zu fertigen wusste.

»Klar, das lasse ich mir nicht entgehen«, sagte ich und musste unwillkürlich an diesen Iain denken. Als Höhepunkt der Veranstaltung sollte es ein Mitternachtsturnier bei Fackelschein geben. Das war spannend, aber auch gefährlich, deshalb kämpften heute professionelle Stunt-Leute und niemand aus Scoury. Die meisten im Dorf konnten zwar mit einer Waffe umgehen, denn das war Teil des harten Alltags im 18. Jahrhundert hier in den Highlands gewesen, aber ihre Fertigkeiten reichten bei Weitem nicht aus, um spannende Schwertkämpfe zu zeigen. Ich hatte auch ein paar Fechtstunden genommen und schnell festgestellt, dass mir die Schwerter zu schwer und zu groß waren. Während andere Frauen weniger Probleme hatten, gelang es mir nicht, ein Basket Hilt und schon gar kein Claymore sicher zu führen. Dafür verstand ich mich recht gut aufs Messerwerfen. Das hatte ich als kleines Mädchen mit den Jungs im Dorf geübt und später meiner besten Freundin beigebracht, bei der solche Fertigkeiten nicht zur üblichen Ausbildung gehörten. Sie war nämlich eine Lady. Schade, dass es für diesen Sport bei den Wettkämpfen keine eigene Disziplin gab.

»Wenn das Wetter passt, gehe ich nächste Woche in die Berge, um zu sehen, ob die Berberitzen reif sind. Kommst du mit?«

Anne, die gern wanderte und mich schon oft auf Ausflüge begleitet hatte, schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich muss zum Zahnarzt und soll bei der Gelegenheit ein paar Dinge in der Uni erledigen. Wahrscheinlich bin ich erst Ende der Woche zurück.«

Das war schade, aber ich ging auch gern allein los. »Kein Problem. Kannst du mir ein paar Sachen besorgen?«

»Natürlich, schreib mir einen Einkaufszettel.« Sie stand auf. »Wir sehen uns später.«

Während die anderen am Turnierplatz den Stars der Highlander-Szene zujubelten, entschied ich mich dann aber doch für eine ungestörte Körperpflegesession. In unserem schlichten Cottage gab es kein Bad. Wir nutzten eine Art Waschhaus, wie man es von Campingplätzen her kannte. Nur leider ohne Privatsphäre. Aber nach einigen Wochen, in denen die Wasserversorgung nicht richtig funktioniert hatte, waren wir schon dankbar, uns nicht mehr in dem eisigen Bach waschen zu müssen, der hinter dem Dorf aus den Bergen kam.

 

highlander

Robert Ronald McIan (1803-1856)

Es war dunkel zwischen den strohgedeckten Häusern, als ich zu meinem Cottage zurückging. Vom Festplatz wehte fröhliches Stimmengewirr herüber, unterlegt von schottischer Musik. Ich überlegte, doch noch auf ein Glas rüberzugehen, als mich ein ungutes Gefühl überkam. Jemand näherte sich, und ich war nicht sicher, ob dies in guter Absicht geschah. Unauffällig tastete ich nach meinem Messer, aber es war nicht da. Natürlich. Wir mochten hier ein Leben wie im 18. Jahrhundert nachstellen, aber in unserer Zeit ging man nicht bewaffnet zum Duschen. Und es gab auch selten einen Grund, sich vor Fremden verstecken zu müssen, zumindest hier in den Highlands. Deshalb war es schon seltsam, dass ich dem Impuls nachgab und genau dies tat.

Gerade hatte ich hinter dem Schuppen Schutz gefunden, als ich eine männliche Stimme mit amerikanischem Akzent sagen hörte: »Ich habe das Zeug besorgt, aber kannst du mir erklären, wofür …?«

»Das geht dich nichts an.«

Das klang nicht nach einem Gespräch unter Freunden. Neugierig beugte ich mich vor und hielt dabei den Atem flach, um sie nicht auf mich aufmerksam zu machen. Zwei etwa gleich große Männer standen neben der Eibe. Einer von ihnen trug einen Kilt, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es niemand aus dem Dorf war. Ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen. Was ich sah, war, dass ein kleiner Lederbeutel, in dem Geldstücke klimperten, den Besitzer wechselte.

»Sieh zu, dass du endlich deinen Job erledigst. Scheiße, Mann! Ein beschisseneres Land mit solchem Scheiß-Dauerregen habe ich noch nie erlebt.«

Der Mann im Kilt hatte den Beutel geschickt aus der Luft gefangen und warf nun seelenruhig einen Blick hinein. Anschließend wickelte er sorgfältig das Band darum und ließ ihn in seinem Gewand verschwinden.

»Es dauert so lange, wie es dauert.«

»Wenn du mich fragst, haben wir schon viel zu viel in deine Eskapaden investiert.«

»Aber dich hat keiner gefragt, stimmt’s?«

Der andere Mann knurrte und es sah aus, als wollte er ihm an die Gurgel gehen.

»Wenn dein Boss jemanden findet, der schneller ist als ich, dann soll er mir Bescheid geben. Ansonsten bleibt es bei dem vereinbarten Termin. Du kannst also getrost hier verschwinden, bis es so weit ist.«

»Für dich wäre es gesünder, wenn wir nicht noch mal umsonst kommen müssen.«

Der Typ im Kilt lachte und dreht sich einfach um, als wäre er nicht gerade ernsthaft bedroht worden.

Während ich dem Ami nachblickte, der fluchend davonging, war er unbemerkt zwischen den Sträuchern verschwunden.

Als ich meine Deckung verließ, sah ich etwas auf dem Boden glitzern. Ich sah mich schnell um und hob es auf. Eine Münze. Das Gewicht überraschte mich, allem Anschein nach hielt ich ein historisches Zahlungsmittel in der Hand. Wie interessant. Zu Hause würde ich mir den Fund bei Licht ansehen.

Vor der Tür lief ich aber Anne in die Arme, die mit einer Flasche in der Hand herausgestürmt kam.

»Wo bleibst du denn? Komm doch mit, es ist total schön!«

Ihre Fröhlichkeit wirkte ansteckend. Also verbarg ich die Münze in meiner Rocktasche, dafür war später auch noch Zeit. »Okay, aber nicht lange. Ich bringe nur meine Sachen rein.«

Während sie das Handtuch für mich aufhängte, brachte ich mein Waschzeug ins Haus und steckte mir schnell die Haare auf.

Danach gingen wir zum Festplatz, wo gerade die Preisverleihung begonnen hatten. Jemand hatte Gläser besorgt, die Anne großzügig mit Whisky füllte. Eigentlich war er zu schade, um hier einfach so runtergekippt zu werden, aber ihr Vater besaß eine Destillerie, und hin und wieder brachte sie eine Kostprobe von zu Hause mit.

Die Flüssigkeit leuchtete im Fackelschein und rann mir wie Feuer die Kehle hinunter, bevor sie sich warm und golden in meinem Magen ausbreitete. Die Leichtigkeit, die ich nach dem zweiten Schluck verspürte, machte mir bewusst, wie anstrengend der Tag gewesen war. Nach der irritierenden Begegnung mit Iain war nachmittags eine Besucherin aufgetaucht, die mich als Lügnerin bezeichnet und gedroht hatte, mich anzuzeigen, weil ich partout nicht sagen wollte, wann sie ihren Traummann treffen würde. Wahrscheinlich aber wäre die Wahrheit ebenso unerwünscht gewesen, denn die Karten waren eindeutig: Diese Dame würde Single bleiben. Zu Tarotkarten hatte ich greifen müssen, weil zuvor zwei selbst ernannte Teen-Hexen aufgetaucht waren, von denen eine in einem unbeobachteten Augenblick die Kristallkugel berührt und damit meine Geduld ziemlich auf die Probe gestellt hatte. Ich hasste es, wenn jemand das tat. Noch mehr allerdings schien die Kugel solche Übergriffigkeiten zu verabscheuen. Sie machte dann einfach das Licht aus, und ich musste sie anschließend wieder stundenlang unter fließendem Wasser und im Sonnenlicht baden, um sie aus ihrer Schmollecke herauszuholen.

»Woran denkst du?« Anne schenkte mir nach.

Von der Kristallkugel konnte ich ihr nicht erzählen, sie hätte mich für verrückt gehalten. Deshalb sagte ich das Erste, was mir in den Sinn kam: »Hast du Iain noch mal gesehen?«

»Wen? Ach, den blonden Cutie. Wärst du mal eher hergekommen, vorhin saß er noch dort drüben bei den Schwertkämpfern. Aber bestimmt taucht er wieder auf.«

Das tat er aber nicht, und ich ging, nachdem ich ein bisschen getanzt und Ale getrunken hatte, schließlich nach Hause.

Anne hatte recht, ich hätte früher zum Festplatz gehen sollen, dachte ich. Sein spöttisches Lächeln begleitete mich in den Schlaf.

Highlands

Bjorn Snelders / Unsplash

2

Ich hatte es kommen sehen, aber nicht so schnell. Der Wind ließ die Blätter tanzen, und eine Böe blähte meinen Rock. Von Westen her schoben sich Wolken heran, und als ich genau hinsah, erkannte ich schon die Regenwand. Wettervorhersagen waren hierzulande ziemlich präzise, und ein weiterer Blick in den Himmel bestätigte meine Befürchtung: Ich hatte die Zeit vergessen. Eilig zog ich meine Lederhandschuhe aus und warf sie in die Kiepe zu den roten Früchten der Berberitzen, die ich geerntet hatte. Die Möwen waren verschwunden, der Wind trug salzige Meeresluft übers Land und zerriss dabei die Wolken im Licht der Nachmittagssonne zu einem beständig dunkler werdenden Streifenfächer.

In solchen Augenblicken war ich wieder zurück in meiner irischen Heimat. Es war der gleiche Himmel, der sich über uns spannte. Hier wie dort sagte man: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte ein paar Minuten, bis es sich ändert.

Steckte man mittendrin in so einer Unwetterfront, konnte sie jedoch schnell zur Herausforderung werden, und ich drückte der Besatzung des Fischerboots, das da draußen auf den Wellen tanzte, die Daumen für ihren Wettlauf gegen die Elemente. Verlören sie, würde ich spätestens morgen beim Frühstück davon hören, nun aber senkte sich ein grauer Regenvorhang auf die Wellen und nahm mir die Sicht.

Ich hatte keine Zeit zu verlieren. Es war viel zu spät, um das Dorf zu erreichen, ohne vollkommen durchnässt zu werden. Also zog ich mir das Plaid über den Kopf und rannte mit dem schweren Tragkorb los. Ich hatte mich nicht mit den spitzen Stacheln der Berberitzen herumgeplagt, um die Ernte jetzt einfach aufzugeben.

Außer Atem und erhitzt erreichte ich den Höhleneingang, in dem meine restlichen Sachen hinter einem Felsvorsprung versteckt lagen. Gewitter hatte es in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie nie gegeben, doch nun erleuchtete ein greller Blitz den hohen Eingang mit seinem sandigen Boden. Der folgende Donnerschlag erzeugte einen mächtigen Hall. Die Natur veränderte sich. Das tat sie immer, aber noch nie so schnell wie in den letzten Jahren.

Ich hielt mir die Ohren zu, Lärm konnte ich schlecht ertragen. Das war natürlich ein bisschen hysterisch, und bald ließ ich die Arme wieder sinken. Ich sah hinaus und wartete auf die Ankunft des Regens, der sich nun auf einmal Zeit zu lassen schien. Gerade dachte ich darüber nach, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, direkt nach Hause zu laufen, da lehrten mich eine Reihe von Blitzen eines Besseren. Der Donnerschlag folgte fast zeitgleich und klang wie ein Kanonenschuss. Dieses verflixte Gewitter war keinen Kilometer entfernt und kam schnell näher. Das hätte ich nie geschafft. Also setzte ich mich auf einen trockenen Stein und holte den Proviant hervor.

Ich hatte sie ausgelacht, als die Köchin mir das große Paket in die Hand gedrückt hatte. Doch sie hatte gesagt: »Natürlich brauchst du etwas zu essen. Wasser gibt es in den Bergen genug, aber man weiß im Voraus nie, wie lange eine Tour dauern wird.«

Sie stammte aus London, blieb meist für sich allein und nutze jede Gelegenheit zu ausgedehnten Wanderungen. Anne behauptete recht gehässig, die Frau hoffe darauf, unterwegs ihren Traummann zu finden, der sie in die Anderwelt mitnehmen und für immer auf Händen tragen würde.

Auf eine solche Begegnung konnte ich gut verzichten. Es war natürlich als Scherz gemeint. Was Anne nicht ahnte: Die Sìdhe, wie wir das Feenvolk nannten, existierten nicht nur in Legenden. Es gab sie wirklich, und einige lebten sogar unerkannt unter uns. Jedenfalls behauptete das meine Großmutter, und in magischen Angelegenheiten wusste sie bestens Bescheid.

Das Gewitter war nun direkt über mir. Der Wind hatte gedreht und trieb den eisigen Regen in heftigen Böen herein. Wasser sammelte sich zu meinen Füßen. Es kam aus einem anschwellenden Rinnsal, das aus dem Nichts zu kommen schien.

Schnell raffte ich meine Sachen zusammen, bevor alles nass wurde. Mithilfe des Lichts aus meinem Smartphone entdeckte ich etwa zwei Meter über dem Boden einen breiten Felsvorsprung. Obwohl mir nicht ganz wohl dabei war, zog ich die schweren Stiefel aus und kletterte barfuß über den Felsen hinauf. Dabei kam es mir vor, als wäre das Gestein an der einen oder anderen Stelle behauen worden, um den Aufstieg zu erleichtern. Hatten hier früher Menschen gelebt? Der Platz war gut gewählt, die Aussicht übers Land und ausreichend Wasser waren schon mal günstige Voraussetzungen, um es eine Weile in der Höhle auszuhalten. Vielleicht hatten sich hier Menschen auf der Flucht vor den englischen Besatzer verborgen, oder vor Wikingern, die einst die Küsten unsicher gemacht hatten, um Sklavinnen zu erbeuten und Proviant für die Weiterreise. Mir kam es mit einem Mal so vor, als könnte ich die Schreie der armen Männer und Frauen hören, die sie verschleppt hatten.

Bevor die Fantasie vollkommen mit mir durchging, sprach ich leise eine der Formeln, die mich vor unangenehmen Begegnungen aller Art bewahren sollte. Ich hatte weder ein besonderes Verlangen, von Fledermäusen oder Spinnen heimgesucht zu werden, noch wollte ich genau wissen, wer in früheren Zeiten hier gehaust haben mochte.

Ich sah mich um. Fahles Licht fiel durch einen breiten Spalt in der Felswand. Bestimmt drang dort auch Regen ein und war für die schnell größer werdenden Pfützen im Eingang verantwortlich.

Hier oben aber schien es trocken zu sein und vielleicht sogar ein wenig wärmer. Es roch auch nicht unangenehm; ganz im Gegenteil hatte ich für einen winzigen Augenblick das Gefühl, nach Hause zu kommen und den schmeichelnden Duft des Räucherwerks zu riechen, das meine Großmutter herstellte und auch regelmäßig verwendete. Leider war daran nicht zu denken. Das Wohlgefühl war ihrem Amulett zu verdanken. Es erinnerte mich an sie, und ich nahm mir vor, nach meiner Rückkehr gleich bei ihr anzurufen.

Um den Akku zu schonen, schaltete ich das Smartphone aus und steckte es in eine der tiefen Taschen, die ich um die Taille gebunden unter meinem Rock trug. Dabei klimperte es metallisch, und mir fielen meine Funde der letzten Tage wieder ein: eine hübsche Muschel vom Strand, die Münze aus der Wettkampfnacht und der Ring, den ich im Wahrsagerinnen-Zelt gefunden hatte.

Eine Besucherin musste ihn dort verloren haben. Ich hatte ihn bei der Projektleitung abgeben wollen, hatte es aber aus irgendwelchen Gründen aus den Augen verloren.

Es war nur ein schlichter Reif, mit Linien verziert, deren Bedeutung mir, wenn es denn eine gab, verborgen blieb. Eine Punze fehlte, die den Silbergehalt angezeigt hätte. Vielleicht war er nicht besonders kostbar, aber für die Besitzerin dennoch von großem Wert. Um ihn nicht zu verlieren, steckte ich ihn mir an den Ringfinger. Glatt und kühl fühlte es sich an, als hätte er schon immer dort gesessen.
Ich setzte mich und schlang die Arme um meine Knie. Eigentlich war es ganz schön, hier gestrandet zu sein. Wer sich das Zimmer mit drei abenteuerlustigen jungen Frauen teilte, wie ich in diesem Sommer, war froh, auch mal wieder für sich allein zu schlafen. Ich wickelte mich in mein Plaid ein und genoss das Gefühl, vorerst in Sicherheit zu sein, während da draußen scheinbar die Welt unterging.

Meisen piepsten ganz in der Nähe und holten mich aus meiner Traumwelt zurück ins diesseitige Leben. Das waren die schönsten Augenblicke nach einer Nacht: Mit geschlossenen Augen die Welt um sich herum wahrnehmen, den Geräuschen nachspüren und sich dabei zwischen Schlaf und Pflicht schwebend noch ein paar Minuten gönnen. Als ich schließlich das Gurren und Keckern von Moorhühnern hörte, war mir klar, ich befand mich nicht in einem Bett und auch nicht in Scoury. Ich war mitten in der Wildnis einfach eingeschlafen!

Ein letzter Traum hing mir noch nach. Doch er ließ sich nicht fassen, und so ließ ich ihn mit leichtem Bedauern ziehen. Darin hatte sich etwas von Bedeutung ereignet, dessen war ich mir sicher. Vielleicht käme die Erinnerung später zurück, wenn ich diesen einzigartigen Zustand der Entspannung erreicht hatte, der mich empfänglich für die feinen Schwingungen der Welt machte. Im Augenblick jedoch war ich besonders empfänglich für die wenig subtilen Signale, die mir mein Rücken sandte. Ich war es nicht gewohnt, so hart zu liegen.

Also stand ich auf, raffte meine Habseligkeiten zusammen und stieg hinunter zum Höhleneingang. Dort musste ich über eine riesige Pfütze springen, um hinauszugelangen. Offensichtlich hatte es bis in den Morgen hineingeregnet. Auf den Sträuchern und Gräsern boten Milliarden in der Sonne glitzernde Wassertropfen einen bezaubernden Anblick. Die Schönheit der Natur begeisterte mich immer wieder, doch nun musste ich mich beeilen, wenn ich nicht zu spät kommen wollte.

In unserem Haus hatten wir eine Vereinbarung getroffen, dass nächtliche Abwesenheit weder kommentiert noch gemeldet wurde. Aber zur Mittagszeit war eine Besprechung angesetzt, und da durfte ich nicht fehlen. Ich tastete nach meinem Smartphone. Es war genau drei Minuten vor acht, und natürlich hatte ich immer noch kein Netz.

Und dann entdeckte ich meine Stiefel. Am Abend hatte ich sie leichtsinnigerweise am Fuße des Felsen stehen gelassen. Nun waren sie vollkommen durchnässt.

Ärgerlich legte ich sie obenauf in den Tragkorb, schulterte ihn und machte mich auf den Heimweg. Barfuß zu laufen war ich gewöhnt, und solange ich mich bewegte, blieben meine Füße trotz der Nässe auch einigermaßen warm. Dennoch war ich froh, als ich die Ebene erreicht hatte, wo der Heideboden schon trocken und auch weicher war und freundlicher zu meinen geschundenen Sohlen. An der alten Steinbrücke machte ich Halt. Angeblich gab es sie seit langer Zeit an dieser Stelle, noch bevor Bonnie Prince Charlie sie damit bekannt gemacht hatte, dass er hinübergeschritten war. Ich konnte dem Kult um diesen dekadenten Adligen nichts abgewinnen. Wir in Irland waren auf die Hochwohlgeborenen ohnehin nicht besonders gut zu sprechen, erst recht nicht, wenn sie aus der englischen Nachbarschaft stammten. Vielleicht war die Sache aber auch nur eine Erfindung der Tourismusbehörde, denn die Brücke sah bei Sonnenschein betrachtet ziemlich neu aus. Spuren der Werkzeuge, mit denen die flachen Felsplatten behauen worden waren, wirkten frisch und kein bisschen verwittert. Oder jemand hatte sie kürzlich restauriert. Umso besser, ohne diese Steine, über die ich jetzt ging, wäre es schwierig geworden, den stark angeschwollenen Fluss zu queren.

Bill Eccles / Unsplash

Am anderen Ufer setze ich die Kiepe ab und ging in die Hocke, um Wasser zu schöpfen. Außer zwei Haferkeksen war von meinem Proviant nichts mehr übrig, aber wenn das mein ganzes Frühstück sein sollte, dann würde ich es genießen. Also setzte ich mich auf einen geeigneten Felsen, knabberte an den trockenen Keksen und trank in kleinen Schlucken aus der Emaille-Tasse mit dem niedlichen Fuchs, die mir eine Freundin letztes Jahr geschenkt hatte und die ich immer bei mir trug.

Viel Zeit durfte ich mir nicht lassen, bis zum Dorf war es noch eine knappe Stunde. Immerhin sah es nicht nach Regen aus. Die Sonne wärmte zwar, aber richtig heiß wurde es auch nicht, denn immer wieder zogen Wolken durch und gaben schon einen Ausblick auf den nicht mehr fernen Herbst. Perfektes Wetter für einen Ausflug also. Das mussten sich auch die Wanderer gedacht haben, die von Süden her zügig näher kamen.

Auf eine Unterhaltung, die sich bestimmt wieder um mein historisches Kostüm drehen würde, hatte ich heute Morgen keine Lust. Deshalb packte ich die Sachen zusammen und folgte dem Pfad in Richtung Westen. Vor mir lag ein Wald, und sobald ich den durchquert haben würde, wäre es nicht mehr weit bis zum Strand. Das Meer schimmerte bei Sonnenschein blaugrün wie ein karibisches Paradies. Nur war es leider zu kalt zum Baden. Auf den Anblick aber freute ich mich – und auf ein ordentliches Frühstück in Scoury.

Zwischen den Bäumen hing kühler Morgendunst, und ich hielt kurz an, um mir das Plaid um die Schultern zu legen, das ich mit einem Gürtel um die Taille gebunden trug. So was ließ zwar jede Frau wie eine Tonne aussehen, ganz gleich, wie schlank sie sein mochte, aber es war praktisch, weil man die Hände freihatte.

Die Kiepe lehnte ich behutsam an eine mächtige Eiche mitten auf dem Pfad. Der geflochtene Korb war mir inzwischen wahnsinnig schwer geworden, aber es gehörte eben dazu, auch in solchen Dingen getreu den Überlieferungen zu arbeiten und nicht etwa einen Nylonrucksack zur historischen Kleidung zu tragen.

Befreit von der Last streckte ich die Arme nach hinten, um die verspannten Schultern zu lockern. Mein Seufzen klang wie das Maunzen einer Katze. Das wäre in Gesellschaft ein bisschen peinlich gewesen, aber es erleichterte ungemein. Besonders, wenn man anschließend noch herzhaft gähnte. Den Specht, der weiter vorn hämmerte, brachte es jedenfalls nicht aus dem Takt.

»Sieh mal an, was wir da haben. Ein rolliges Kätzchen.«

Die Stimme kam von oben, und noch ehe ich reagieren konnte, sprangen zwei Männer aus dem Baum und versperrten mir den Weg. Erstaunlich war, dass sie ebenfalls historische Kleidung trugen. Aus Scoury stammten sie aber nicht. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.

»Wohin willst du, lass?«, fragte der eine, während der andere um mich herumging und mit der Zunge schnalzte, als betrachte er ein Pferd, das sein Interesse geweckt hatte.

So was konnte ich ja gerade leiden. Aber die beiden wirkten ziemlich unheimlich auf mich, deshalb schluckte ich die giftige Bemerkung herunter, die mir schon auf der Zunge gelegen hatte, und sagte freundlich: »Aus Scoury.«

»Ach, tatsächlich? Und wie kommst du dazu, bei uns Beeren zu stehlen?« Der Kleinere der beiden zeigte auf meinen Korb.

Der andere schien die Inspektion abgeschlossen zu haben und baute sich breitbeinig vor mir auf. Er hätte eine gute Figur beim Baumstammwerfen abgegeben.

»Die kommt nie im Leben aus Scoury. Ich kenne die Mädchen da. Solche roten Haare hätte ich sicher nicht vergessen.«

Er hätte ganz attraktiv aussehen können, wenn er mich nicht angestarrt hätte wie einen besonders leckeren Braten, über den er sich gleich hermachen wollte. Mit einem kehligen Lachen streckte er die Hand nach einem meiner Zöpfe aus. Sie reichten bis über die Brust und einer war mir ins Dekolleté gerutscht.

»Pfoten weg!« Ungehalten wich ich ihm aus.

Er brummte verstimmt, blieb aber stehen. »Hör, wie sie spricht. Die ist nicht aus der Gegend. Das sage ich dir.«

»Lass sie gehen«, sagte der andere. »Sie sieht nicht nach einem Bauernmädchen aus. Du hast schon genug Ärger wegen deiner Weibergeschichten.«

»Guck doch, das Kätzchen will spielen. Warum sonst sollte sie hier allein herumspazieren.«

Allmählich dämmerte es mir, dass der Typ ernst meinte, was er da redete, und was er sich unter Spielen vorstellte, war deutlich in dem Blick zu lesen, mit dem er mich bedachte. Seine Fantasien zu erahnen war nicht schwierig.

Der Kleinere redete in schnellem Gälisch auf ihn ein, sie stritten.

Diese Chance ließ ich mir nicht entgehen. Verstohlen tastete ich nach dem Messer in meinem Ärmel und bewegte mich seitwärts zu meiner Kiepe, ohne die Männer aus den Augen zu lassen.

»Ich nehme jetzt den Korb, und jeder geht seiner Wege«, sagte ich so ruhig es ging und schickte noch einen kräftigen Schub Willenskraft hinterher, um meinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Ich war nicht besonders geübt in diesen Dingen, weil ich Menschen nicht gern mit meiner Magie manipulierte. Der kleinere Mann nickte jedoch und trat sogar einen Schritt beiseite. Der Baumstammwerfer allerdings war schon zu sehr auf seine Beute fixiert. Und er war schnell. Ehe ich mich versah, hatte er mich am Zopf so grob zu sich herangezogen, dass ich vor Schmerz schrie. Das schien ihm zu gefallen. Angst überfiel mich.

3

Nach einem kurzen Augenblick, in dem die Panik das Denken schwer machte, fand ich zu mir selbst zurück. Anstatt mich zu wehren, wie er es sicher erwartet hatte, entspannte ich meine Muskeln und entglitt so dem Arm, den er mir um die Taille gelegt hatte.

»Was zur Hölle …?«

Ramon Vloon / Unsplash

Als er sich zu mir hinabbeugte, zog ich blitzschnell das Messer aus dem Ärmel, schnellte hoch und stach mit aller Kraft zu. Ich hatte nicht vor, ihn zu töten. Ich wollte mir nur einen Vorsprung verschaffen. Doch er bewegte sich unerwartet, und mein Messer landete in seinem Hinterteil. Er brüllte vor Schmerzen. Die Adern an seinem Hals schwollen an, und das Gesicht wurde knallrot. Es sah nicht danach aus, als könnte ihn die Verletzung an seinen Plänen hindern. Das war ein Kämpfer, begriff ich.

Blitzschnell drehte ich mich um und spurtete los.

»Komm schon, die holen wir uns!«, rief er seinem Freund zu.

Der Waldboden war uneben und voller Wurzeln, ich strauchelte beinahe, richtete mich wieder auf und rannte um mein Leben. »Bleib stehen, Hexe!«

Wir Iren sterben aufrecht. Ich bremste abrupt, um herumzuwirbeln und meinem Messerwurf ordentlich Schwung zu verleihen. Doch jemand fiel mir in den Arm und stieß mich hinter den nächstgelegenen Baum.

Starr vor Schreck sah ich zu, wie sich ein Mann den beiden in den Weg stellte. Entspannt, als kämen ein paar Schafe gelaufen. Er hob die Hand. Ich wagte kaum zu atmen. Mit dieser einfachen, aber kraftvollen Geste brachte er sie zum Stehen.

»Ihr habt meine Frau gefunden. Ich war schon in Sorge, dass sie sich verlaufen haben könnte.«

Die beiden sahen aus, als hätte sie der Blitz getroffen.

»Aye, wir haben sie gefunden«, sagte der Kleinere, und mein irrer Verfolger grunzte zustimmend.

»Tapadh leat, balaich. Danke, Jungs. Wir wollen euch nicht länger aufhalten.«

Mit einer nachlässigen Geste entließ er sie, wie ein Herr seine Vasallen fortschicken würde, und die beiden drehte sich zu meinem Erstaunen wortlos um und trotteten davon.

Mit einem feinen Lächeln wandte er sich zu mir um. »Da bist du ja endlich.«

»Du? Ich kann mich nicht erinnert, dass wir verabredet waren.«

Ich traute meinen Augen nicht. Iain, mein merkwürdiger Besucher im Wahrsagerinnen-Zelt, wirkte ehrlich erfreut, mich zu sehen.

»Ja, ich. Ist das nicht ein wunderbarer Zufall?« Seine Augen strahlten, als wären wir uns gerade nach langer unfreiwilliger Trennung beim Shoppen auf der Royal Mile begegnet.

»Danke«, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. »Ich müsste dort vorne noch meine Kiepe holen.«

Ich erzählte ihm, wie mich gestern das Gewitter überrascht hatte, während ich in den Bergen unterwegs gewesen war.

»Wohin willst du?«

»Nach Scoury. Ich bin schon spät dran, und der Projektleiter kann es gar nicht leiden, wenn man nicht pünktlich zum Wochenmeeting kommt. Er hat mich ein bisschen auf dem Kieker, weil er glaubt, ich käme aus Respektlosigkeit zu spät, und ich will nicht aus dem Projekt fliegen. Damit bezahle ich meine Miete, weißt du?«

Was redete ich da? Das ging ihn doch alles nichts an. Andererseits war ich ihm mehr als nur ein schlichtes Danke schuldig. Er hatte mich vor etwas Schrecklichem bewahrt. Entweder hätte ich einen Menschen getötet, oder ich wäre vergewaltigt worden.

»Hör zu, die beiden zeige ich natürlich an. Aber jetzt muss ich unbedingt …«

»Komm mal her.«

Obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich das Richtige tat, folgte ich dem melodischen Ton seiner Stimme, ging näher und blieb vor ihm stehen. Der Zopf, an dem dieser widerliche Kerl gezogen hatte, war aufgegangen, und meine Locken ringelten sich auf der Haut. Das Haargummi lag jetzt irgendwo im Gebüsch, es war eines meiner liebsten gewesen. Meine Kopfhaut brannte immer noch, als hätte er mir mindestens die Hälfte der Haare ausgerissen.

»Sieh mich an!«

Als ich es tat, kam mir unvermittelt der Gedanke: Welch ein schöner Mann! So was denke ich höchst selten, und ich ahnte, irgendetwas Beunruhigendes passiert mit mir. Er lächelte. Mein Herz raste immer noch, angetrieben von all dem Adrenalin, das meinen Körper überschwemmte. Jetzt machte es obendrein alberne Hopser.

Wollte er mich etwa küssen, nachdem ich gerade knapp einer Gewalttat entgangen war?

Nichts dergleichen geschah.

»Ein Glück, dass ich noch rechtzeitig gekommen bin«, sagte er nachdrücklich.

Das stimmte, ohne seine Hilfe … aber woher war er eigentlich gekommen?

»Du hättest nicht so weit gehen dürfen. Es ist gefährlich für eine Frau, ganz allein durch die Wälder zu streifen.«

»Ich bin nicht wehrlos.«

Er lachte leise. »Nein, das bist du nicht. Aber wir sind hier fremd und wollen unser gemeinsames Leben doch nicht gleich mit einem Streit mit den Nachbarn beginnen.«

Gemeinsames Leben? Mir wurde warm und leicht vor Freude. »Wir beide?«

Er ignorierte meine Frage, fasste nach meinen Händen und hauchte die Andeutung eines Kusses darauf. »Ich habe die Schönste in ganz Connacht geheiratet.«

Irland. Dort lebte meine Familie. Doch als ich an meine Mutter, Großmutter und an meine Geschwister dachte, spürte ich nichts. Die Liebe und Vertrautheit, die Magie meiner Vorfahren, alles war fort. Sie waren so weit weg, ihre Gesichter verschwommen.

»Was …?«

»Vergiss die Vergangenheit. Was zählt, ist der Augenblick. Und unsere Zukunft natürlich«, sagte er. »Komm nach Hause, m’ eudail

Nach Hause. Eine große Ruhe breitete sich in meinem Herzen aus. Seine Schläge gaben den Takt der zauberhaftesten Melodie vor, die ich je gehört hatte und eine Stimme lud mich ein, das Erlebte zu vergessen und gemeinsam in einem glitzernden Hauch aus Wohlbefinden und Liebe davonzuschweben.

Tu das nicht! Meine Seelenstimme klang verzweifelt und ängstlich.

Ich lachte, denn ich fühlte keine Furcht, als ich nun auf den spiegelglatten See zuschritt, der mir Glück verhieß und Freiheit. Die bloßen Füße sandten Kreise aus, kleine Wellen, auf denen Schmetterlinge tanzten und mit ihren winzigen Flügeln unserer Entscheidung applaudierten. Es war so schön!

Bevor wir in den Fluten versanken, bäumte sich mein stets präsenter Widerspruchsgeist noch einmal auf. Was, wenn ich unter Wasser keine Luft bekäme? Doch die Hand auf meiner Schulter gab mir Vertrauen. Ich breitete die Arme aus und öffnete mich, um das kostbare Geschenk zu empfangen, das er mir versprach.

4

Das heitere Pfeifen klang so lebensfroh, dass ich lächelte, bevor ich die Augen öffnete. Ein Tag konnte kaum schöner beginnen. Während ich lauschte, was sonst noch zu hören sein mochte, versuchte ich halbherzig, dem letzten Traum nachzuspüren, aber der war bei Weitem nicht so fröhlich gewesen, und deshalb ließ ich die Erinnerung schließlich ziehen, ohne mir Notizen gemacht zu haben. Normalerweise schrieb ich meine Träume auf, dafür hatte ich Heft und Stift neben dem Bett liegen und eine kleine Taschenlampe, die ich anknipste, um die anderen Frauen in unserem Haus nicht zu stören, falls ich mitten in der Nacht etwas notieren wollte. Sie aufzuschreiben hatte ich mir angewöhnt, als ich begann, mich mit Klarträumen zu beschäftigen. Inzwischen war ich ganz gut damit, das Geschehen darin bewusst zu steuern, aber was auch immer mir letzte Nacht durch den Kopf gegangen war, besonders klar war es mir nicht vorgekommen.

Allmählich erwachten weitere Sinne, und damit stieg mir der unwiderstehliche Duft von Kaffee und getoastetem Brot in die Nase. Höchste Zeit aufzustehen, wenn ich nicht die ursprünglichste aller Mahlzeiten verpassen wollte: das Fastenbrechen. Mein Magen schien sehr dafür zu sein, also schlug ich die dicke Daunendecke beiseite, schwang die Beine aus dem Bett und blinzelte ins Sonnenlicht.

Obwohl ich also nicht besonders gut sah, war mir sofort klar, dass irgendwas nicht stimmte. Das hier war nicht unser Cottage in Scoury, und wer auch immer soeben leise ein altes Volkslied sang, war sicher nicht eine meiner Mitbewohnerinnen.

Der Whisky! Anne hatte Whisky zum Fest mitgebracht und ich … ich konnte mich an nichts erinnern!

Hatte ich mich selbst ausgezogen? Meine Sachen hingen am Haken an einer weiß verputzten Wand. Das aus glattem Leinen gefertigte Unterhemd war alles, was ich trug – und mein Höschen. Dem Himmel sei Dank! Ein Blick über die Schulter verriet mir, das Bett war so breit, wie es lang war, und entweder hatte ich furchtbar gewühlt oder nicht allein darin geschlafen. Wie peinlich. Von Küche und Frühstück trennte mich eine Wand aus geflochtenen Zweigen. So leise wie möglich lehnte ich mich vor und sah hindurch. Vor der offenen Herdstelle stand ein Mann und röstete Brot, neben ihm eine Konstruktion, an der man Töpfe und Backroste aufhängen konnte. Sie ähnelte der, die in unserer historischen Museumsküche hing, und der Rest des Hauses sah ebenfalls nach 18. Jahrhundert aus, allerdings hatte es eine Reihe Fenster, auch hier in der Schlafecke. Das war, ebenso wie das frei stehende Bett, eher den Bedürfnissen meiner Zeitgenossen geschuldet. Niemand in Scoury wollte freiwillig in einer dunklen, verqualmten Hütte wohnen. Hätte ich nicht alle Cottages in- und auswendig gekannt, wäre ich sicher gewesen, mich in einem von ihnen zu befinden. In diesem Haus aber war ich definitiv noch nie zuvor gewesen.

Madainn mhath, m’ eudail, sagte der Mann, ohne sich umzudrehen. »Guten Morgen, Schätzchen. Frühstück ist fertig.«

Diese Stimme kannte ich. »Iain? Bist du das etwa?«

Langsam ging ich um die Trennwand herum, die nicht mal bis zur Decke reichte. Das Haus wirkte nicht so ärmlich wie die meisten einfachen Crofts der Vergangenheit, aber es war weit entfernt vom Komfort eines Herrenhauses und ursprünglich auch nur als Einraummodell geplant. Tiere liefen nicht herum, doch ebenso wie in Scoury durfte ich wohl mit einem Badezimmer nicht rechnen.

»Hinterm Haus«, sagte er, als hätte er meine Gedanken erahnt, und hängte die Pfanne etwas höher, ohne sich umzudrehen.

Ich musste nötig. Mir blieb also nichts anderes übrig, als aus der Tür zu stürzen. Wie befürchtet gab es keine richtige Toilette, aber das war mir im Augenblick egal. Immerhin regnete es nicht, und deshalb ging ich anschließend zum Bach hinunter, um mir die Hände zu waschen. Das Wasser plätscherte und war eiskalt, sicher kam es direkt aus den Bergen. Ich entschied mich für eine seifenlose Katzenwäsche, spülte mir den Mund aus und rieb die Zähne mit einem Zipfel meines Hemds blank.

Robert Keane / Unsplash

Es herrschte bestes Schottlandwetter. Über dem Tal hing der Geruch von Torffeuern, was darauf schließen ließ, dass dieses Haus nicht ganz so weit von jeglicher Zivilisation entfernt sein konnte, wie ich zuerst gedacht hatte. Direkte Nachbarn gab es aber nicht. Eine Hummel brummte an mir vorbei, ein Rotkehlchen labte sich an den leuchtenden Früchten der Eberesche vor dem Haus und unter den Wolken zog ein Greifvogel seine Kreise und stieß empört klingende Laute aus. Vielleicht hatte er es auf die Moorhühner am anderen Ufer abgesehen.

Als ein leichter Regen einsetzte, rannte ich zum Haus zurück. Fest entschlossen, mir nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm ich die Situation fand, drückte ich den eisernen Hebel an der grob gezimmerten Tür runter und ging hinein. Wärme umfing mich, und für einen kurzen Augenblick fühlte es sich an, als wäre ich nach einer langen Reise zu Hause angekommen.

Doch dann kehrte die Scham zurück. Da hatte ich die Nacht offensichtlich mit einem Mann verbracht, konnte mich aber an nichts erinnern – nicht mal daran, ob wir miteinander geschlafen hatten. Schlimm genug, sollte man meinen, aber der Typ hatte vermutlich auch noch einen Webfehler. Er kleidete sich nicht nur, wie es schottische Highlander vor vielleicht dreihundert Jahren getan hatten, er lebte auch so. Okay, das versuchten wir in Scoury ebenfalls, aber hier wirkte alles irgendwie echter und überhaupt nicht museal.

»Da bist du ja. Setz dich.«

»Ich würde mir lieber schnell was anziehen«, sagte ich. Mir war plötzlich sehr bewusst, dass ich unter dem leichten Hemd nichts weiter trug als einen winzigen Slip und er im Gegenlicht sicher mehr von mir zu sehen bekam, als ich es wünschte.

Schnell war natürlich übertrieben, denn das Anziehen ging mit Schleifen binden und Nadeln stecken einher. Ich legte mein Mieder an, fädelte die Bänder ein und schnürte es so eng, dass es gerade noch auszuhalten war. Danach stieg ich in den langen Unterrock aus steifem Leinen und band mir die Taschen um die Taille. Diese Taschen waren ungemein praktisch, weil sie groß genug waren, um den halben Hausstand darin zu versenken, und man sie zu allem tragen konnte. Sie wurden auf ein Band genäht, und durch einen Schlitz rechts und links im Überrock konnte ich hineingreifen. Nachdem ich den gestreiften Rock über den Kopf gezogen und alle Bänder verknotet hatte, zog ich die Jacke an und steckte sie fest, drehte meine Haare zu einem Knoten, den ich mangels besserer Alternativen mit einer hübsch geschnitzten Holzgabel befestigte, die auf einem Regalbrett neben den Kleiderhaken gelegen hatte. Zum Schluss spuckte ich auf meine Fingerspitzen und strich mir die Augenbrauen glatt. Jetzt war ich bereit für die Welt. Nein, natürlich nicht, aber es gab keine Ausreden mehr, sich ihr nicht zu stellen.

»Guten Morgen«, sagte ich in meinem besten Gälisch und setzte mich auf einen Schemel an den gedeckten Tisch.

Ohne zu antworten, füllte er getöpferte Schalen mit fast allem, was zu einem guten full scottish breakfast gehörte oder, unter uns gesagt, auch zum English oder Irish Breakfast. Dazu stellte er mir einen Becher auf den Tisch, aus dem eine Wolke Pfefferminzduft aufstieg.

Ei auf Toast. Weiße Bohnen und ein Pesto aus Kräutern, dazu Bannocks, eine Schale mit Butter und ein Topf Marmelade. Mein Magen übernahm vorübergehend die Regie, und wir aßen schweigend, wobei das gar nicht so einfach war mit einer zweizackigen Gabel und einem Löffel. Als er mein Problem bemerkte, griff er in seine Weste und schob mir ein Messer zu. Mein Messer genauer gesagt.

»Danke. Wir sind nicht verheiratet.«

»Aber natürlich sind wir das. Du trägst meinen Ring.«

Apple Books    Kindle    Tolino    Demnächst auch als Taschenbuch

»Das Geheimnis von Hazelfield« erscheint am 15. Februar 2021

Das geheimnis von Hazelfield

Bildnachweis

Highlander: Robert Ronald McIan (1803-1856) Public domain, via Wikimedia Commons